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Der Rebozo – ein Tuch zwischen Alltag, Übergang und Erinnerung

vor 7 Tagen
11 Min. Lesezeit

Über Geschichte, Symbolik und die Weitergabe einer mexikanischen Textiltradition


Der Rebozo verbindet Handwerk und Tradition, Alltag und Symbolik. Er kann wärmen und tragen, schützen und stützen, umhüllen und verbinden. Er kann Kleidungsstück, Tragetuch, Gebrauchsgegenstand oder vertrauter Begleiter sein. Und er kann Menschen an Übergängen ihres Lebens begleiten.


Vielleicht lässt sich gerade aus dieser Vielseitigkeit verstehen, weshalb ein Rebozo auch rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett eine besondere Bedeutung annehmen kann. Er ist nicht für nur eine einzige Handlung gemacht. Er ist nicht eindeutig. Was er bedeutet, verändert sich mit dem Menschen, der ihn trägt, hält, weitergibt oder sich in ihn hineinlehnt.


Es gibt nicht den einen Rebozo



Ein Rebozo ist ein langes, rechteckiges Tuch aus Mexiko. Doch schon bei seiner Geschichte beginnt die Vielstimmigkeit.

Lange vor der spanischen Kolonisation wurden in Mesoamerika Baumwolle und andere Fasern gesponnen und auf Rückengurtwebstühlen verarbeitet. Rechteckige Textilien dienten als Kleidung, zum Bedecken des Körpers, zum Transport von Gegenständen und zum Tragen von Kindern. Die heute als Rebozo erkennbare Form scheint sich dagegen erst während der Kolonialzeit herausgebildet zu haben. Dabei trafen indigene textile Kenntnisse auf neue Kleidungsformen, Materialien und Techniken sowie auf Einflüsse, die über die kolonialen Handelswege nach Mexiko gelangten. Selbst für einzelne charakteristische Techniken wie den jaspe, die mexikanische Variante des Ikat, lässt sich heute kein einfacher, geradliniger Ursprung angeben. Neuere Darstellungen der mexikanischen Secretaría de Cultura betonen deshalb ausdrücklich, dass die Geschichte des Rebozos aus unterschiedlichen materiellen, schriftlichen und bildlichen Spuren rekonstruiert werden muss.


Das erscheint mir wichtig. Denn die Bezeichnung als schlichtes „uraltes mexikanisches Geburtstuch“ macht seine Geschichte zugleich älter und enger, als sie ist. Seine textilen Wurzeln reichen weit zurück; der Rebozo in seiner heute wiedererkennbaren Gestalt ist jedoch das Ergebnis einer langen kulturellen Entwicklung. Gerade darin liegt etwas Interessantes: Er ist nicht das unveränderte Relikt eines einzelnen historischen Moments, sondern ein Textil, das über Generationen aufgenommen, verändert und weiterentwickelt wurde.


Bis zum 19. Jahrhundert zeigen Gemälde und Lithografien Frauen unterschiedlicher sozialer Schichten mit Rebozos. Regionen entwickelten eigene Materialien, Muster, Farben, Webarten und Formen des rapacejo, der kunstvoll geknüpften Fransen. Tenancingo im Estado de México und Santa María del Río in San Luis Potosí zählen bis heute zu den bekannten Zentren der Rebozo-Herstellung.


Auch deshalb gibt es nicht den Rebozo.

Manche werden aus Baumwolle gefertigt, andere aus Seide oder Wolle. Manche sind zurückhaltend, andere leuchtend. Manche Muster entstehen durch jaspe: Noch bevor das eigentliche Weben beginnt, werden bestimmte Bereiche der Kettfäden abgebunden, gefärbt, wieder gelöst und sorgfältig angeordnet. Erst beim Weben wird sichtbar, welches Muster in diesen vorbereiteten Fäden verborgen lag.


Eine Beschreibung der traditionellen Rebozo-Produktion in Tenancingo zählt allein vierzehn Arbeitsschritte, die sich auf mehrere spezialisierte Personen verteilen können. Vorbereitung der Kette, Abbinden, Färben, Weben und das Knoten der Fransen sind unterschiedliche Fertigkeiten. Ein Rebozo ist damit häufig nicht nur die Arbeit einer einzelnen Hand, sondern das Ergebnis eines ganzen Netzes von Wissen und Können.

Vielleicht beginnt seine Geschichte also bereits hier: Ein Rebozo entsteht durch Verbindung.


Von der Wiege bis zur Totenhülle


In Mexiko gibt es eine Redewendung, die den Rebozo durch drei große Stationen eines Lebens führt:

„cuna, matrimonio y mortaja“ – Wiege, Hochzeit und Totenhülle.


Diese wenigen Worte verdichten einen ganzen Lebensbogen.

Eine Ethnologin der mexikanischen Secretaría de Cultura erklärte die Redewendung damit, dass einer Frau, wenn sie Mutter wird, traditionell ein Rebozo zum Tragen des Babys und als Zeichen des Willkommens geschenkt werden könne. Dasselbe Tuch könne später Gegenstände tragen, vor Sonne, Regen oder Kälte schützen und durch viele Jahre des Alltags begleiten. Manche Menschen entwickeln eine so enge emotionale Beziehung zu ihrem Rebozo, dass sie den Wunsch äußern, darin oder mit ihm bestattet zu werden.


Die Redewendung sollte dabei nicht als universelle mexikanische Ritualabfolge gelesen werden. Nicht jede Frau erhält zur Schwangerschaft einen Rebozo, nicht jede Hochzeit kennt dieselbe Verwendung, und selbstverständlich wird nicht jeder Mensch mit einem solchen Tuch bestattet.

Interessant ist vielmehr das Bild, das in den drei Worten entsteht.

Ein Gegenstand, der ein Neugeborenes hält, kann Jahrzehnte später noch immer vorhanden sein.


Vielleicht hat sich sein Stoff verändert. Vielleicht ist er weicher geworden, vielleicht an manchen Stellen dünn. Vielleicht kennt jemand seine Falten so gut wie die eigenen Hände. Er wurde um Schultern gelegt, über Köpfe gezogen, als Tasche verwendet, um ein Kind gebunden, bei Festen getragen, jemandem geliehen oder weitergegeben.

Die „Wiege“ und die „Totenhülle“ sind dann nicht einfach Gegensätze. Sie markieren zwei Enden eines Lebens, zwischen denen dasselbe Tuch immer wieder andere Aufgaben übernehmen kann.

Das macht den Rebozo zu etwas anderem als einem spezialisierten Geburtsinstrument. Seine Bedeutung liegt gerade darin, dass er nicht nur einer Lebensphase gehört.


Eine ähnliche Vorstellung findet sich in Berichten über traditionelle Hebammenarbeit in der Mixteca von Oaxaca: Dort wird beschrieben, dass eine Mutter ihren Rebozo über viele Jahre verwendet, bis sie selbst Großmutter wird; im selben Zusammenhang heißt es sinngemäß, der Rebozo gehöre zu den Dingen, die sie eines Tages mit in den Tod nehmen werde. Auch hier stehen Geburt, Weitergabe und Tod nicht nebeneinander wie getrennte Kapitel. Sie gehören zu einem Lebensbogen.


Die Hände der Mutter – und die Hände der Großmutter


Eine der Vorstellungen, die mich am Rebozo besonders berührt, stammt aus einer ethnografischen Untersuchung zur traditionellen Hebammenarbeit in Morelos.

Ester Botteri und Jacqueline Bochar Pizarro begleiteten für ihre Forschung unter anderem die traditionelle Hebamme Angelina Martínez Miranda und führten Interviews mit Frauen, die mit traditionellen Hebammen geboren hatten. Sie beschreiben den Rebozo nicht nur als praktisches Werkzeug, sondern auch in einer symbolischen Bedeutung: als eine Fortsetzung der Hände der Mutter, die das Baby aufnehmen und schützen – und zugleich als die Hände der Großmutter, die nach der Geburt fürsorglich da sind und den Schutz ihrer familiären Linie weiterreichen.


Ich finde dieses Bild bemerkenswert, weil darin nicht einfach ein Stück Stoff „Schutz symbolisiert“.


Es entsteht vielmehr eine Bewegung von Händen zu Händen.

Die Hände der Mutter nehmen das Kind auf.

Dort, wo ihre Arme nicht reichen, verlängert das Tuch ihren Halt.

Und hinter diesen Händen erscheinen noch andere Hände: die der Großmutter, und mit ihnen die Vorstellung einer Linie von Menschen, die bereits gehalten, geboren, getragen und versorgt haben.


Der Rebozo wird damit nicht zum Ersatz für Beziehung. Er macht Beziehung sichtbar.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb das Bild der verlängerten Hände so gut zur tatsächlichen Funktion des Tuches passt. Beim Tragen eines Babys verteilt der Stoff Gewicht über eine größere Fläche. Die Hände müssen nicht ununterbrochen dasselbe Gewicht halten, und dennoch bleibt das Kind körpernah. Das Tuch übernimmt einen Teil der Last, ohne die Beziehung zu übernehmen.


Es stützt, ohne an die Stelle des Menschen zu treten.

Gerade dieser Gedanke ist für meine eigene Arbeit mit dem Rebozo wesentlich geworden.

Und er bekommt für mich noch eine weitere Ebene, weil Angelina Martínez Miranda zu den Lehrerinnen gehört, bei denen ich selbst Rebozo-Arbeit kennenlernen durfte. Das Wissen, über das ich schreibe, ist für mich daher kein anonymes „traditionelles Wissen“. Es hat Namen, Begegnungen und Wege der Weitergabe.


Wenn ein Rebozo Trauer trägt


Dass die Redewendung von Wiege und Totenhülle mehr ist als ein poetisches Bild, zeigt eine besonders selten gewordene Tradition aus Tenancingo: der rebozo luto de aroma, ein dunkler, duftender Trauerrebozo.


Das Kulturministerium beschreibt für den rebozo de aroma ein aufwendiges Verfahren, bei dem Pflanzenmaterialien und Eisen zur Erzeugung eines tiefen Schwarz eingesetzt und die Textilien anschließend mit aromatischen Kräutern behandelt werden. Historisch konnte ein solches Tuch auch zum Einhüllen einer verstorbenen Frau verwendet werden.


Mercedes Isabella Muratalla widmet dem luto de aroma eine eigene Untersuchung. Sie beschreibt ihn als seltenes Kleidungsstück aus Tenancingo, entstanden aus einem Zusammenspiel indigener und kolonialer Einflüsse. Zum Zeitpunkt ihrer Recherche sei die traditionelle Herstellung mit dem ursprünglichen Duftrezept nahezu verschwunden; nur noch eine Werkstatt bewahre diese Form der Produktion. Muratalla liest das Tuch dabei nicht einfach als schwarzes Trauerkleidungsstück, sondern als Teil spezifisch mexikanischer Vorstellungen von Weiblichkeit, Tod, Trauer und den größeren Zyklen von Leben und Wiederkehr.


Schon die Verbindung von Trauer und Duft macht diesen Rebozo besonders.

Trauerkleidung wird häufig zunächst über ihre Farbe gedacht: Schwarz macht Verlust sichtbar. Beim luto de aromakommt eine weitere Sinnesebene hinzu. Das Tuch wird nicht nur gesehen und auf der Haut gespürt; es trägt einen Geruch.


Damit wird es zu einem Gegenstand, der den ganzen Körper anspricht.

Vielleicht lässt sich gerade daran verstehen, warum ein textiles Objekt in einer Trauerkultur so viel Bedeutung annehmen kann. Ein Rebozo ist nicht nur ein Symbol, auf das man schaut. Man kann ihn umlegen. Sein Gewicht spüren. Seine Oberfläche berühren. Sich darin einhüllen. Und im Fall des luto de aroma sogar seinen Duft wahrnehmen.

Er begleitet den Verlust damit nicht aus der Distanz.

Er kommt dem Körper nahe.


Dass ein Rebozo sowohl ein Neugeborenes aufnehmen als auch einen verstorbenen Körper umhüllen kann, verändert für mich noch einmal die Bedeutung der Formel „cuna, matrimonio y mortaja“. Dasselbe Grundmotiv – ein Körper wird aufgenommen, bedeckt und gehalten – erscheint am Anfang und am Ende des Lebens unter vollkommen unterschiedlichen Vorzeichen.

Das Tuch beseitigt weder Verletzlichkeit noch Verlust.

Aber es gibt ihnen eine Form.


„Bedecke mich mit deinem Rebozo“


Auch in der mexikanischen Liedtradition taucht der Rebozo dort auf, wo Schmerz und Schutz ineinandergreifen.

La Llorona ist kein Lied mit einer einzigen feststehenden Textfassung. Zahlreiche Strophen und Varianten sind überliefert und wurden immer wieder neu kombiniert. Eine Strophe findet sich jedoch in vielen älteren wie neueren Fassungen: Die klagende Stimme bittet darum, mit einem Rebozo bedeckt zu werden, weil sie vor Kälte stirbt. Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Entwicklung des Liedes weist gerade diese Strophe als charakteristisch für zahlreiche Fassungen aus.

Auch hier muss der Rebozo nichts „lösen“.

Er erscheint mitten in Sehnsucht, Trauer und Kälte als etwas sehr Elementares:

Bedeck mich. Gib mir Wärme.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb das Bild so stark ist. Es verlangt nicht danach, dass der Schmerz verschwindet. Es bittet zunächst nur um eine Hülle.


Frida Kahlo und der magentafarbene Rebozo


Eine ganz andere Form von Sichtbarkeit erhielt der Rebozo durch Frida Kahlo.

Kahlo setzte traditionelle mexikanische Kleidung bewusst als Teil ihrer persönlichen und öffentlichen Identität ein. Der Rebozo wurde zu einem wiederkehrenden Bestandteil ihres Erscheinungsbildes. Das Victoria and Albert Museum beschreibt traditionelle und indigene Textilien nicht nur als modische Wahl, sondern als Teil der Art und Weise, wie Kahlo kulturelle Zugehörigkeit und persönliche Identität gestaltete.


Besonders bekannt sind die Farbfotografien von Nickolas Muray aus den späten 1930er-Jahren. Auf ihnen trägt Kahlo einen intensiv magentafarbenen Rebozo. Interessanterweise taucht genau dieser Rebozo sogar in der Korrespondenz zwischen Kahlo und Muray auf. 1939 schrieb sie ihm:

“You will always be inside the magenta rebozo.”

Der Satz macht das Tuch beinahe zu einem Beziehungsraum.


Vor dem Hintergrund von Kahlos schwerem Unfall, chronischen Schmerzen, zahlreichen medizinischen Behandlungen und der später zunehmenden körperlichen Einschränkung ist es verführerisch, den Rebozo zugleich als Schutz oder Halt für einen vielfach belasteten Körper zu lesen. Das sollten wir ihr jedoch nicht nachträglich als eigene Bedeutung zuschreiben.

Was sich belegen lässt, ist bereits stark genug: Kleidung und Textilien waren für Kahlo Teil von Identität, kultureller Positionierung und Selbstausdruck; das Victoria and Albert Museum spricht sogar davon, dass indigene Textilien ihr emotionale Stärke gaben.


Vielleicht dürfen wir deshalb bei den Bildern bleiben und uns fragen, ohne die Antwort für sie zu geben:

Was kann ein vertrautes Kleidungsstück für einen Menschen bedeuten, dessen Körper so oft Gegenstand medizinischer Behandlung geworden ist?


Vom Kulturerbe zum Spielraum


Und dann gibt es noch eine viel leichtere Seite des Rebozos.

In Carmen Tafollas Kinderbuch What Can You Do with a Rebozo? wird das Tuch aus der Perspektive eines Kindes zu immer neuen Dingen.



Es kann ein Baby tragen, wärmen, zum Verkleiden dienen oder sich in einen Umhang und einen Gegenstand des Spiels verwandeln. Die Geschichte stellt gerade seine Vielseitigkeit und seinen Platz im familiären Alltag in den Mittelpunkt.


Ich mag diese Perspektive, weil sie etwas zeigt, das in einer rein ritualisierten Betrachtung leicht verloren geht:


Ein kulturell bedeutsamer Gegenstand muss nicht ständig feierlich sein.

Er darf gebraucht werden.

Er darf Falten bekommen.

Ein Kind darf sich darunter verstecken.

Er kann Teil eines Festes sein und am nächsten Tag einfach Wärme geben.

Gerade diese Durchlässigkeit zwischen Alltäglichem und Bedeutungsvollem macht den Rebozo für mich so interessant.


Wissen, das von Menschen weitergegeben wird


Zum respektvollen Umgang mit dem Rebozo gehört für mich deshalb nicht nur, etwas über seine Geschichte zu wissen.


Es gehört auch dazu zu fragen:

Von wem weiß ich eigentlich, was ich weiß?


Bild: @annemarielea_geburtsfotografin
Bild: @annemarielea_geburtsfotografin

Textiles Wissen wird bis heute in Familien, Werkstätten und Gemeinschaften weitergegeben. Die mexikanische Secretaría de Cultura beschreibt die Herstellung des Rebozos als ein Netz spezialisierter Tätigkeiten und betont ausdrücklich den generationenübergreifenden und gemeinschaftlichen Charakter dieser Kenntnisse. Zugleich sind Traditionen nicht statisch: Es sind die Gemeinschaften und Kunsthandwerker:innen selbst, die entscheiden, welche Elemente bewahrt, weitergegeben oder weiterentwickelt werden.


Ähnliches gilt für die Verwendung des Rebozos in der Hebammenarbeit.

Vieles wurde nicht zunächst in Büchern oder standardisierten Kursen festgeschrieben. Es wurde gezeigt.


Eine Hebamme zeigte einer anderen, wie sie ein Tuch hielt.

Eine Schülerin beobachtete.

Jemand gibt Rückmeldung.

Wissen wanderte durch Beziehung.

Gerade deshalb verstehe ich, weshalb traditionelle Lehrerinnen sensibel darauf reagieren können, wenn Menschen, die weit von diesen kulturellen Zusammenhängen entfernt leben, nach kurzer Begegnung mit dem Rebozo den Eindruck vermitteln, diese Tradition vollständig zu kennen oder selbst zu vertreten.


Learning from a tradition does not make us the owners of it.


Diesen Satz möchte ich auch für meine eigene Arbeit ernst nehmen.

Ich durfte La Cerrada und unterschiedliche Formen der Rebozo-Arbeit bei verschiedenen Lehrerinnen kennenlernen – besonders bei Rocío Alarcón, Angelina Martínez Miranda und Naolí Vinaver. Jede dieser Begegnungen hat meinen Blick erweitert. Und gerade die Unterschiede zwischen den Lehrerinnen haben mir gezeigt, dass es nicht den einen Ablauf, die eine Bedeutung oder die eine „richtige“ Form der Rebozo-Arbeit gibt.


Was ich über diese Traditionen weiß, kenne ich durch Weitergabe.

Ich habe sie nicht erfunden.

Ich spreche nicht für alle mexikanischen Hebammen, Familien oder Gemeinschaften.

Und ich würde auch nicht behaupten, nach einigen Ausbildungen „den Rebozo“ zu kennen.


Was sich daraus bei mir entwickelt hat, ist vielmehr eine große Neugier.


Was geschieht, wenn sich der Abstand zwischen zwei Menschen verändert?

Was macht mehr oder weniger Zug?

Wie verändert sich das Erleben, wenn jemand selbst die Enden des Tuches hält – und wie, wenn ein anderer Mensch sie übernimmt?

Was passiert beim Übergang vom Stehen zum Liegen?

Wann entsteht Halt, und wann wird Halt zu viel?

Wie können wir bemerken, dass sich etwas verändert?

Und wie kann ein Rebozo Beziehung unterstützen, ohne zum Instrument zu werden, mit dem wir versuchen, einem anderen Körper etwas aufzuzwingen?


Diese Fragen sind meine weitere Exploration. Sie sind von dem inspiriert, was ich lernen durfte, aber sie sind nicht identisch mit der Tradition, aus der dieses Wissen stammt.

Diese Unterscheidung empfinde ich nicht als Einschränkung.

Im Gegenteil: Sie macht es möglich, sowohl die Herkunft einer Praxis zu achten als auch neugierig weiterzudenken.


Ein Tuch, das nicht festlegt, was geschehen muss


So begegnet uns der Rebozo als Kleidungsstück und Gebrauchsgegenstand, Handwerk und kulturelles Erbe, wärmende Hülle und Tragetuch, Spielraum und Verbindung zwischen Generationen.

Er kann ein Kind willkommen heißen und einen Menschen im Abschied begleiten.

Er kann eine Mutter mit ihrem Baby verbinden und im Bild der Großmutter zugleich eine familiäre Linie hinter ihr sichtbar werden lassen.

Er kann Trauer tragen, ohne sie zu beenden.

Er kann kulturelle Zugehörigkeit ausdrücken und Teil einer sehr persönlichen Identität werden.

Er kann stützen, ohne die gesamte Last zu übernehmen.

Nähe ermöglichen, ohne Grenzen aufzulösen.

Einen Übergang würdigen, ohne ihn festzuschreiben.

Vielleicht liegt seine besondere Qualität gerade darin, dass er nicht vorgibt, was geschehen muss.

Was ein Rebozo in einem bestimmten Moment bedeutet, entscheidet sich deshalb weder durch Tradition noch durch Technik allein.

Es entsteht in der Begegnung mit dem Menschen, der das Tuch trägt, hält, weitergibt oder sich hineinlehnt.


Und vielleicht ist deshalb die interessanteste Frage nicht zuerst:

Was kann man mit einem Rebozo machen?


Sondern:

Was wird mit diesem Rebozo, zwischen diesen Menschen, in diesem Moment möglich?


Quellen

  • Botteri, E., & Bochar Pizarro, J. E. (2019). Saberes que conectan con el poder durante el parto: la partería tradicional en Morelos (México). Alteridades, 29(57), 125–135. SciELO México

  • Muratalla, M. I. (2026). Reframing Femininity and Grief: The Rebozo Luto de Aroma. Dress, 52(1), 71–81. Taylor & Francis Online

  • Secretaría de Cultura de México: Beiträge zur Geschichte, Herstellung und kulturellen Bedeutung des Rebozos sowie zu cuna, matrimonio y mortaja. Gobierno de México

  • Victoria and Albert Museum. Traditional Mexican Dress, Photographing Frida Kahlo und Unlocking Frida Kahlo’s Wardrobe. Victoria and Albert Museum

  • Carrasco Camarón, M. E. La Llorona, de la leyenda a la canción: un análisis textual. investigacion.unirioja.es

  • Tafolla, C. (2008). What Can You Do with a Rebozo? Illustrated by Amy Córdova. Tricycle Press

Kontakt

Mgr. Zuzana Laubmann, MA., HPP

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Heilpraktikerin für Psychotherapie
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